Erfahrung auf Augenhöhe |

Schlippenbachtrio mit Gästen in der Altstadtschmiede

Text: Stefan Pieper | Fotos: Ingo Marmulla, Stefan Pieper

Recklinghausen, 03.12.2017 | Das Wort Freejazz ist für manchen ein Reizwort – welches nicht gerne ausspricht, wer ums Publikum bangt. Für Alexander von Schlippenbach ist dies eine ganz normale, ja mittlerweile klassische musikalische Kategorie. Was er zusammen mit Evan Parker und Paul Lytton veranstaltet, verkörpert im Grunde ja auch „klassische“ Prinzipien: Musikalische Einfälle zu formulieren und weiterzudenken. Nur eben spontan und in Echtzeit, frei von H und im gleichberechtigten Kollektiv.

Und wo sich Musik ohne formale Einengungen frei gebärden darf, kommt es umso mehr auf Intuition, Erfahrung und die Fähigkeit zum gegenseitigen Zuhören an. Der Berliner Pianist Alexander von Schlippenbach, der britische Saxofonist Evan Parker und Schlagzeuger Paul Lytton demonstrieren in der Altstadtschmiede eindrücklich, wie so etwas geht. Am Anfang steht eine Tonfolge des Saxofons, welche die anderen Spieler aufgreifen, verdichten, weiterdenken. Das hat viel mit Logik, mehr noch mit spontanen Regungen und in jedem Moment mit traumwandlerischer Instrumentenbeherrschung in diesem Trio zu tun. Auf diese Weise treibt das Trio einen energetisch pochenden Spielfluss binnen kurzem zum Siedepunkt. Schlippenbach modelliert seine Skalen, Cluster, Sekundreibungen und traktiert das Klavier dabei nie brachial, sondern mit sensiblem Anschlag. Eigentlich bräuchte es hier einen Flügel, um dies richtig zur Entfaltung zu bringen. Evan Parkers Tonkaskaden auf dem Sax scheinen derweil alle Zeitmaße aufzubrechen. Allein die beachtliche Zirkularatmungstechnik des Briten erlaubt ihm, etliche Minuten lang den Spielfluss nicht fürs Luftholen abreißen zu lassen. Und Paul Lytton am Schlagzeug spielt wohl am wenigsten gerade Metren, sondern treibt stattdessen die Atomisierung von Zählzeiten voran. Will sagen: Alle drei bringen ihre spielerischen Linien in einem manchmal schon fast polyphonen Geflecht zusammen – und entfachen eine schier grenzenlose Direktheit dabei.

Wie wird sich alles verändern, wenn noch mehr Variablen, sprich weitere Mitmusiker ins Spiel kommen? Die Antwort liefern Katrin Scherer, Ove Volquartz und Ingo Marmulla selbst, der früher auch sehr intensiv an der deutschen Freejazz-Geschichte dran war. Wieder bildet eine sensible, fast zerbrechliche Tonfolge die Keimzelle, bevor insgesamt sechs Spieler sich einmischen, für die das Mitspielen in dieser Band an diesem Abend auch ein Sprung ins kalte Wasser darstellt. Nach einer gewissen Phase des Suchens und Hineintastens schwören sich alle sechs auf einen gemeinsamen Strang ein, bringen eine Dramaturgie zum Atmen. Mal verdichtet sich eine Kollektivimprovisation zum tosenden Crescendo, dann wird der Druck herausgenommen und einzelnen Spielern dafür der rote Teppich ausgerollt, so dass jeder solistisch zum Zuge kommt. Und bei allem liegt ein extrem hoher Grad an Versunkensein, an Konzentration in der Luft, was sich auch aufs Publikum überträgt, zumindest auf einen Teil davon – auf diejenigen die aktiv zuhören und nicht plaudern.