Auszeit aus der Normalität |

Trinkhallen Tour 2017

Text & Fotos: Stefan Pieper

Essen, 11.08.2017 | Zwangsbeschallung durch „Easy Listening“, lullt ein und erzieht zum Weghören. Florian Walter und sein Quartett „Die Verwechslung“ wollen das Gegenteil: Mit frischen, widerständigen Klängen verhelfen sie zu einer Auszeit aus verordneter und hingenommener Normalität. Die Trinkhallen-Tour Ruhr bringt „den Jazz“, also eine freie, aus dem Moment entstehende, den unmittelbaren Augenblick artikulierende Musik unmittelbar zu Menschen zurück - jenseits des Fachpublikums in den Elfenbeintürmen!

Wanne-Eickel an einem lauen Sommerabend: Florian Walter, Felix Fritsche, Lutz Streun und der belgische Gastmusiker Valentin Becman stehen im Eingangsbereich eines Mietshauses direkt neben „Richters Büdchen“, wo es Bier, Illustrierte, bunte Tüten mit Süßigkeiten aber auch das Schwätzchen zwischendurch gibt. Und an diesem Abend aufregende Klänge auf drei Bassklarinetten und Gitarre bzw. Melodika und afrikanischem Daumenklavier.

Den meisten sehr unterschiedlichen Menschen, die hier zufällig vorbeikommen, schießen jetzt wohl kaum die üblichen Fachattribute wie „spielerische Klangaktionen, freie assoziative Flächen, perkussive Lautmalerei oder spektrale Obertonflächen etc.“ in den Kopf. Viele wirken irritiert, mancher fühlt sich provoziert und zeigt dies auch.

Ein Kind ruft: „Oh, die machen Musik!“ Immerhin, Musik... Staunende Köpfe lugen aus der Tür eines benachbarten türkischen Kulturvereins. Einer von ihnen protestiert, ob das Spektakel nicht etwas weiter weg von der Haustür stattfinden könnte. Florian Walter kontert selbstbewusst: Die Nachbarn könnten doch genauso gut näher kommen und zuhören. Das zeigt sogar Wirkung: Zwei ältere Männer kommen schließlich sogar mit Plastikstühlen, um im Sitzen zu lauschen. Eine Hausbewohnerin versucht, sich an den vier freejazzenden jungen Männern im Eingang vorbei zu quetschen. Ihr Statement kündet von Muttersorge, dass ihr Kleiner aber um 8 Uhr abends schlafen müsse. Florian Walter beruhigt die Aufgebrachte: „Wir sind bis dahin sowieso fertig und können gerne noch ein Schlaflied spielen.“ Nun - die harmonisch komplexen, mit Mikrovintervallen, lautmalerischen Interaktionen und dadaistischen Pointen aufgeladenen Kollektivimprovisationen sind nicht wirklich zum Mitsingen – aber die Kombination aus „seltsamer“ Musik und einer ganz und gar authentischen, un-künstlichen Örtlichkeit dieser Trinkhalle in Wanne-Eickel produziert ihre ganz eigene Poesie. Einer der Klarinettisten funktioniert ein zufällig geparktes Fahrrad zum „Instrument“ um, lässt die Glocke bimmeln und die Feder des Gepäckträgers rhythmisch schnippen. Das sorgt für richtig guten Groove im Zusammenspiel des Quartett. Vor allem Valentin Becman, der Gast aus Belgien zeigt sich mit Melodika, Akustik-Gitarre und Daumenklavier als Poet, der allein mit seiner stillen Ausstrahlung jeden öffentlichen Raum verzaubern kann. Zwischendurch bahnen sich Menschen den Weg durch die Spielenden und Lauschenden, um Bier, Illustrierte, Tüten mit Süßigkeiten zu kaufen - und für einige Momente das Staunen neu zu lernen! Eine Harley und ein aufgemotzter Benz ballern vorbei. So geht Ruhrpott. „Die Verwechslung“ gibt für eine Dreiviertelstunde einen neuen Soundtrack dazu.

Die Trinkhallen-Tour Ruhr ist auf Betreiben des damaligen jazzwerks ruhr als Projekt der freien Szene im Kulturhauptstadtjahr 2010 entstanden und hat – im Gegensatz zu vielen längst wieder verstummten großen Inszenierungen – überlebt. Sie ist sogar dank bereitwilliger Unterstützung durch kommunale Kulturbüros weiter gewachsen. Bis zum 25. August wollen Florian Walter und seine Band nebst etlicher Gastmusiker nicht weniger als 19 Spielorte in 11 Städten des Ruhrgebiets bespielen. Im letzten Jahr beklagten die Macher der Tour einen dreisten Ideenklau: Medial groß gehypt wurde ein „Tag der Trinkhallen“ inszeniert, der vor allem gefällige Unterhaltung, Pop und Comedy bot. Dieses etwas beliebige Remake ist längst wieder Geschichte. Die „echte“ Trinkhallentour lebt weiter und ist in diesem Jahr sogar international vernetzt. So konnte Belgien als Partnerland gewonnen werden, wo in der südlichen Industrieregion Borinage im Oktober ein eigenes Event dieser Art stattfinden wird. Die Kerntruppe der Trinkhallen-Tour Ruhr wird aktuell durch Gast-Improvisatoren aus Belgien erweitert – durch,, wie gesagt, Valentin Becman, Karen Willems und Bart Maris.

Außerdem stehen viele Protagonisten aus NRWs freier Szene auf der Agenda: Connie Brommer, Simon Camatta, Sara Hasenbrink, DJ Illvibe, Jan Klare, Jan Kurth, Johannes Nebel, Jennie Thiele, Klaus Wallmeiner, Emily Wittbrodt oder Achim Zepezauer.

Kompletter Tourplan:

www.trinkhallentour.ruhr.de