diary of jazz

#24 Ein vergessenes Meisterwerk |

Zwei Stunden der Wahrheit - John Coltrane in Berlin

Text: Karl Lippegaus

Köln, 31.01.2017 | Spätherbst 1963. Es ist John Coltranes vierte und letzte Europa-Tournee seit 1960. In den USA wird seine Musik als „Anti-Jazz“ diffamiert. Im Sommer hatte John seine erste Frau verlassen, nur mit ein paar Klamotten, seinen Hörnern und der knappen Erklärung, er habe ein paar Dinge zu erledigen. „Naima, I’m going to make a change.“ Dann lebt er eine Weile in Hotels oder bei seiner Mutter in Philadelphia. Nachdem seine Band praktisch jeden Monat im Studio war oder auf Reisen kreuz und quer durch die Nordhälfte der USA, brechen die vier Musiker am 22. Oktober nach Stockholm auf. Fünfzehn Konzerte in 12 Städten stehen auf dem Tourplan des Workaholics.

Berlin, 2. November. Das John Coltrane Quartett gibt im Audimax der Freien Universität ein zweistündiges Konzert, das mit einem furiosen 5 Minuten-Duett zwischen Trane und dem Drummer Elvin Jones endet. Die Zeitschrift Jazzpodium hatte den 26. Oktober als Datum für Berlin angekündigt, doch an jenem Abend spielte die Band in Amsterdam. Das Konzert an der FU war auf den 2.11. verschoben worden.

Drei Wochen verbrachte ich damit, für Radiosendungen zu John Coltranes 90. Geburtstag am 23. September so viel Jazz von Trane wie nur möglich wiederzuhören. Meine Bibel war „The John Coltrane Reference“, großformatige 820 Seiten und so schwer wie das Telefonbuch einer Großstadt; die Verfasser sind fünf Coltrane-Besessene, die jeder noch so winzigen Spur nachspürten, um jedes Konzert und jede Plattensession zu dokumentieren. (Hg. Lewis Porter, The John Coltrane Reference, www.routledge.com) Dem Konzert in der Stuttgarter Liederhalle vom 4.11., wo Trane schon einmal 1961 mit Eric Dolphy aufgetreten war, spenden sie großes Lob: „Dies ist ein starkes (und gut aufgenommenes) Konzert und „Impressions“ und „Mr. P.C.“ gehören zu den außergewöhnlichsten aller Coltrane-Aufnahmen.“ Wow!

Doch was geschah zwei Tage vorher in Berlin?

In einer so spontanen Kunst wie dem Jazz entscheidet die Gunst der Stunde. Ich finde, in Berlin kommt vieles zusammen, was Trane mit dem Quartett über Jahre entwickelt hat. Endlich hatte er für die Konzerte ein adäquates Pendant fürs freie Experimentieren in den Clubs parat. Die Hälfte der acht Stücke sind andere als in Stuttgart - in beiden Fällen eine Mischung aus Highlights der Alben für Atlantic und Impulse!. Am Anfang steht „Lonnie’s Lament“, das Trane erst im April ´64für das Album „Crescent“ - den grandiosen Vorläufer zu „A Love Supreme“ – aufnehmen wird. Hier agiert erstmal McCoy Tyner und erst in der Mitte des Stückes kommt ein Tenorsolo, mit sehr präzis kontrollierter Multiphonie, während McCoy aussetzt à la Monk; es ist das erste der aufwühlenden Duette mit Elvin an den Drums, wunderbar „den Raum spielend“.Dann folgt „Naima“, für John die schönste seiner vielen Balladen, die er aber nicht immer live spielen konnte - es bedurfte eines besonderen Winks von oben, um ihn dazu zu inspirieren. Minimalistische Abweichungen von der Atlantic-Fassung zeigen Tranes Perfektionsdrang, und wieder ein Powerplay mit phänomenalen Drumparts. Sofort stürzt sich John mutig in den Überschall-Blues „Chasin‘ the Trane“, in der legendären Vanguard-Version (´61)knappe 16 Minuten lang, in Berlin bringen sie es „nur“ sechs Minuten. Nachdem er am Abend vorher in München zu spät gekommen kam fuchtelt Elvin hier mit sechs Armen im Maschinenraum.

Seinen Dauerbrenner „My Favourite Things“ empfand John als Segen und Fluch zugleich. Das Publikum war süchtig danach, er liebte diesen Walzer, wurde ihn aber auch nie mehr los. 21 Minuten dauert der Countdown zur Ekstase. Die Soli Tranes in „Favourite“ und „Afro Blue“ widersprechen Steve Lacys seltsamem Diktum, das Sopransaxofon sei für John „nur ein Spielzeug“ gewesen. McCoy zeigt, was man aus zwei Akkorden herausholen kann, während Elvin wie üblich vor dem Beat pusht. Am Rande des Vulkans angelangt kommt Trane bei exakt 12:00 wieder ´rein, während Elvins Becken glühende Lava verschleudern. In „Cousin Mary“ wechselt John vom Sopran zu seinem „power horn“, dem Tenor. In „I want to talk about you“ die fantastische fast dreiminütige Solokadenz.

Das Finale, „Impressions“, gerät 27 Minuten lang. Mucksmäuschenstill lauscht das Publikum dem langen Solo Jimmy Garrisons, 12 Minuten dauert es und anfangs hat es einen sehr afrikanischen Guembri-Charakter; es gab noch keine Bass-Pickups, sodass das Solo gleichzeitig den Raumklang mitenthält.

Kein Husten und keine Buhrufe.

Überhaupt wird sehr konzentriert zugehört im Audimax, die Begeisterung hält sich in Grenzen und die später üblichen Indianerrufe fehlen völlig. Die Hörsituation auf der Bühne und die Raumakustik beflügeln die Band. Tranes Tenorsolo am Schluss zeigt seine Meisterschaft, das Horn durch alle Register kraftvoll und schön klingen zu lassen.

Zwei Jahre nach dem Berliner Konzert - nach fünfjähriger Zusammenarbeit zu Johns großem Bedauern – kommt das Ende des Quartetts. Logische Folge seines unstillbaren Wunsches nach permanenter Veränderung, während seine Musik dramatische Mutationen durchläuft: ab 1965 will er einen zweiten Bläser (Pharoah Sanders), als er merkt, dass seine Kräfte nachlassen; er möchte mehr Trommeln („I have the drum-fever!“) und es wächst sein Wunsch, dass seine zweite Frau Alice, die in kurzem Abstand drei Söhne von ihm zur Welt bringen wird, in seiner Gruppe Klavier spielt. Nurim Sommer ´65 wird er mit dem legendären Quartett noch einmal für vier Gigs nach Frankreich und Belgien kommen. Im April ´67 unterzeichnet John Coltrane einen zweiten langfristigen Plattenvertrag mit Impulse! Records. Nicht mal er selbst scheint zu wissen, dass sein Ende sehr nah ist. John Coltrane stirbt vierzigjährig am 17. Juli 1967.

Das Berliner Konzert ist zu finden im Box-Set:

John Coltrane, Live Trane – The European Tours, 7 CDs, Pablo 7PACD-4433-2

Buchtipp:

Karl Lippegaus, John Coltrane, Biographie. Edel Books, 2011