„Spielen und komponieren so viel wie möglich!“ |

Im Gespräch mit Alexander von Schlippenbach

Text: Ingo Marmulla

Recklinghausen, 27.11.2017 | Vor gut einem Jahr war Alexander von Schlippenbach Gast im „Schmiede-Syndikat“ der Recklinghäuser Altstadtschmiede mit seinem Programm, welches dem genialen Thelonious Monk gewidmet war. Das Konzert war ein voller Erfolg, also schien eine Fortsetzung Pflicht. Um mich auf den Abend einzustimmen, hatte mir Alex freundlicherweise eine CD mit genau dieser Trio-Besetzung zukommen lassen: „America 2003“, erschienen auf Evan Parkers Label PSI Records. Ich habe mit Alex vor einigen Tagen nochmals über den Konzertabend, über die CD und über persönliche Dinge sprechen können. Die typischen kurzen, aber treffenden Antworten auf meine - den Konzertabend hoffentlich beleuchtenden - Fragen seien hier wieder gegeben...

Ingo Marmulla:

Du hast mir schon vor einigen Monaten bei unserem gemeinsamen Monk-Konzert von eurer “Winterreise“ erzählt und damit auch eine Option für ein Konzert im Rahmen unserer JazzIni ins Spiel gebracht. Nach der Klärung einiger organisatorischer Vorbedingungen konnten wir diesen Abend nun planen. Wir freuen uns natürlich schon alle riesig. Es wäre daher schön, wenn wir hier einige Infos für die Jazzfreunde im Lande zu eurer „Winterreise“ erhalten könnten. Zunächst eine Frage zum Tournamen „Winterreise“. Das weckt natürlich sofort romantische Assoziationen.

Alexander von Schlippenbach:

Das ist eher unromantisch, weil es sich bei uns nur auf die Jahreszeit bezieht. Es ist eine Art Saison, in der wir die meisten Konzerte geben können. Aber auch eine entferntere Verbindung zu Schubert ist uns allemal genehm.

Ingo Marmulla:

Wenn ich Freunde und Bekannte zu dem Konzert einlade und die mich fragen: „Was wird denn da gespielt?“ - dann würde ich bei traditionellem Jazz über Stilistik, Besetzung oder Repertoire sprechen. Wie würdest Du eure Musik mit Worten umschreiben?

Alexander von Schlippenbach:

Free Jazz.

Ingo Marmulla:

In der Kürze lässt sich die folgende Frage wahrscheinlich nicht beantworten, dennoch sei sie gestattet. Du hast mit Bebop angefangen, aber auch Komposition ua. bei Zimmermann studiert. Du spielst ja auch heute noch Monk oder Dolphy, das werden aber die Zuschauer beim Recklinghäuser Konzert nicht unmittelbar erfahren. Wie bringst du diese beiden Richtungen zusammen, wie haben sie deine musikalische Entwicklung beeinflusst?

Alexander von Schlippenbach:

Da gibt es eine Wechselwirkung von beiden Seiten. Es hängt davon ab, unter welchen Umständen ich mit was für einer Gruppe arbeite. Das Trio, mit dem wir - abgesehen von möglichen Jazzeinsprengseln - frei improvisieren, besteht schon sehr lange.

Ingo Marmulla:

Die Studierenden an den Jazzhochschulen können schon nach wenigen Semestern recht stilsicher spielen und improvisieren. Der Free Jazz spielt da eine untergeordnete Rolle. Sollte man Kurse zur freien Improvisation ins Studium einflechten, oder muss da jeder seine eigenen Erfahrungen machen?

Alexander von Schlippenbach:

Natürlich könnte man Seminare für Improvisation an den Musikhochschulen einrichten. Ich glaube, das gibt es sogar schon...

Ingo Marmulla:

Du hast mir die Doppel-CD „america 2003“ geschickt, die ihr 2003 während einer Tour durch die Staaten und Canada aufgenommen habt. Da werden im CD-Text inhaltliche Bezüge zu Franz Kafka angeführt. Kannst Du uns einige Details über dieses Projekt erzählen.

Alexander von Schlippenbach:

Die inhaltlichen Anlehnungen an Kafka sind später hineinInterpretiert worden. Der Titel „america" bezieht sich ausschließlich auf die fünfwöchige Tour, die wir mit diesem Trio

damals in den USA unternommen haben.

Ingo Marmulla:

Wie steht man eigentlich eine solch lange und kalte „Winterreise“ durch? Es ist ja kein Geheimnis, dass im April des kommenden Jahres dein nächster runder Geburtstag ansteht?

Alexander von Schlippenbach:

Wir sind ein gutes, eingespieltes Team, bei dem man sich aufeinander verlassen kann. Auch ich bekomme es, trotz meines anstehenden runden Geburtstages, noch einigermaßen hin.

Ingo Marmulla:

Im Anschluss an das Trio-Konzert ist in Recklinghausen eine gemeinsame „Special Session“ mit Jazzakteuren aus dem Ruhrgebiet geplant. Wie gestaltet sich in eurer gemeinsamen Improvisation das Verhältnis von bekannten, erwartbaren und andererseits offenen, neuen musikalischen Interaktionen?

Alexander von Schlippenbach:

Auch hier gibt es eine Wechselwirkung aus beiden Richtungen.

Auf die "Special Session" dürfen wir gespannt sein!

Ingo Marmulla:

Welche Pläne hast Du für 2018 und darüber hinaus?

Alexander von Schlippenbach:

Spielen und Komponieren so viel wie möglich!

Konzerthinweis:

Alex von Schlippenbach Trio + Gäste

Altstadtschmi8ede, 30.11.17, 20.30 Uhr

CD-Tipp:

america 2003“ psi records evanparker.com/psi.php